Der 7. Oktober 2023 war eine Zäsur – für Menschen in Israel und für die Menschen in Gaza. Über zwei Jahre eskalierte die Lage weiter: Die israelischen Geiseln befanden sich weiterhin in der Gewalt der Hamas und wurden erst im Oktober 2025 vollständig befreit, ein Teil von ihnen wurde ermordet. Die Menschen in Gaza unterlagen monatelang einem rigorosen Kriegskurs; zehntausende wurden durch Israels militärische Angriffe getötet, Hunger und Zerstörung prägen den Alltag auch nach dem Waffenstillstand.
Anstatt Empathie und Solidarität zu zeigen, sind viele Debatten in Deutschland von Ideologisierung und Einseitigkeiten geprägt. Das Leid der verschiedenen Seiten zu sehen und sichtbar zu machen ist in der deutschen Debatte – insbesondere innerhalb der Linken – eine schmerzliche Leerstelle. Für uns ist klar: Der 7.10.2023 war kein “Widerstandsakt” für die Befreiung Palästinas, sondern ein antisemitischer Terroranschlag gegen den jüdischen Staat und seine Bewohner*innen. Der Krieg Israels entwickelte sich zugleich zu einem mörderischen Feldzug gegen die Bevölkerung Gazas und raubte den Menschen dort ihre Lebensgrundlage. Sowohl die extrem rechte Regierung unter Netanjahu als auch die islamistische Hamas verschärften die Lage mit ihrem Handeln immer weiter.
Mit unserer Veranstaltungsreihe „between the lines“ wollen wir einen Raum öffnen, der nicht durch Einseitigkeiten und Eindimensionalitäten gekennzeichnet ist. Wir wollen ungehörte Stimmen hörbar machen und universalistische Positionen stärken. Wir wollen Widersprüche aushalten – und Perspektiven entwickeln, die Freiheit, Solidarität und Unversehrtheit vonaller Menschen in den Mittelpunkt stellen.
Nächste Veranstaltung: Solidarität im Minenfeld: Werden wir zu „Frenemies“? Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus: Gemeinsamkeiten verstehen, Differenzen aushalten
– Podium mit Anna Sabel (Verband binationaler Familien und Partnerschaften), Rachel Spicker (Mobile Opferberatung), Sina Arnold (Zentrum für Antisemitismusforschung), Moderation: Eva Josephine Weber / Di., 08.09.26, 19 Uhr, im Ost-Passagen Theater, Konradstr. 27, 04315 Leipzig –
Offener Antisemitismus nimmt zu, Synagogen werden angegriffen, antimuslimischer Rassismus und andere Formen rassistischer Ausgrenzung verschärfen sich, während die Migrationspolitik und der Migrationsdiskurs zunehmend entmenschlichend geführt werden. Zugleich sind wir mit dem Leid in Gaza, Israel und dem Nahen und Mittleren Osten konfrontiert. Wie können wir über diese unterschiedlichen Leiderfahrungen sprechen, ohne sie gegeneinander auszuspielen oder aufzurechnen und jeder Stimme den notwendigen Raum zu geben?
Der 7. Oktober 2023 hat die gesellschaftliche Debatte in ein Minenfeld verwandelt. Statt einer gemeinsamen Front gegen den Hass erleben wir eine tiefe Spaltung. Diese trifft oft genau jene, die eigentlich für eine offene Gesellschaft kämpfen.
Zusammen mit unseren Podiumsgästen analysieren wir die spezifische Logik beider Diskriminierungsformen. Wo überschneiden sich die Mechanismen der Ausgrenzung, und wo liegen die deutlichen Unterschiede in ihren ideologischen Wurzeln? Wir suchen nach einer Praxis, die Widersprüche aushält, statt den Schmerz der einen Seite gegen den der anderen auszuspielen.
Rachel Spicker, Sozialwissenschaftlerin M. A., systemische Beraterin und Prozessbegleiterin sowie Unterstützerin der Überlebenden des antisemitischen, rassistischen und misogynen Anschlags von Halle und Wiedersdorf an Yom Kippur 5780, 9. Oktober 2019. Sie ist Mitglied der Soligruppe 9. Oktober, Mitorganisatorin des Festival of Resilience und setzt mit Überlebenden und Aktivist*innen bildungspolitische und künstlerische Projekte zum Thema Gedenken und Erinnern um. Sie arbeitet u. a. für die Mobile Opferberatung Sachsen-Anhalt.
Sina Arnold ist Sozialwissenschaftlerin und derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Im Rahmen des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt leitet sie Forschungsprojekte zu Antisemitismus und Erinnerungspolitik in der postmigrantischen Gesellschaft und zu institutionellem Rassismus. Sie studierte Ethnologie, Politikwissenschaft und Erziehungswissenschaft in Berlin und Manchester und promovierte zu Antisemitismusdiskursen in der US-amerikanischen Linken. Neben ihrer akademischen Tätigkeit ist sie publizistisch, politisch und in der Bildungsarbeit gegen Rassismus und Antisemitismus aktiv.
Anna Sabel ist Medienwissenschaftlerin und politische Bildungsarbeiterin mit den Schwerpunkten antimuslimischer Rassismus und Rassismuskritik. Beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften in Leipzig leitet sie das Projekt „Unsichtbarkeiten in der Migrationsgesellschaft“ sowie das „Kompetenznetzwerk Islam- und Muslimfeindlichkeit“. Sie entwickelt in diesem Rahmen rassismuskritisches Bildungsmaterial, ist Regisseurin des Dokumentarfilms „Spendier mir einen Çay und ich erzähl dir alles“, Kuratorin der Ausstellungen „Re:Orient“ und „ein muslimischer Mann – kein muslimischer Mann“ und Autorin und Mitherausgeberin des Essaybands „Die Erfindung des muslimischen Anderen – 20 Fragen und Antworten, die nichts über das Muslimischsein verraten“.
veranstaltet von Transformative Bildung und Kultur e. V. in Kooperation mit dem linXXnet
Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.
Vergangene Veranstaltungen:
Die Linke in Israel und Palästina: Akteure, Herausforderungen, Perspektiven
– Inputs und Diskussion mit Gil Shohat und Dr. Katja Hermann / Do., 02.07.26, 18 Uhr, im Interim, Demmeringstr. 32, 04177 Leipzig –
Die Debatte über Israel und Palästina erhitzt hierzulande immer wieder die Gemüter. Angesichts von Krieg, Gewalt und anhaltender humanitärer Not vor allem in Gaza überrascht dies kaum.
Ein gerechter Frieden in Israel und Palästina scheint heute in weite Ferne gerückt. Dennoch: Auch in Israel halten progressive jüdische und palästinensische Aktivist*innen weiter an genau dieser Perspektive fest.
Allen Widerständen zum Trotz und gerade in Zeiten der Einschränkung demokratischer Räume, der Unterdrückung palästinensischer Stimmen innerhalb des Landes, sowie der Zerstörung und der Dehumanisierung von palästinensischem Leben im Westjordanland und im Gazastreifen streiten sie für jüdisch-palästinensische Solidarität, für ein gemeinsames Leben auf Augenhöhe und in Würde.
Weitaus schwieriger ist die Lage für linke, progressive Kräfte in Palästina. Die Folgen des Krieges, Besatzung und die aggressiven Angriffe radikaler Siedler prägen das gesellschaftliche Gefüge und damit auch das der Zivilgesellschaft. Hinzu kommen die massive soziale Ungleichheit und die demokratischen Defizite.
Wir wollen den Blick im Rahmen einer Veranstaltung auf die Entwicklung und Verfasstheit von linken Akteur*innen in Israel und Palästina richten. Was hat sich seit dem Angriff der Hamas am 7.10.2023 verändert, welchen Widerständen sind sie ausgesetzt, wie haben sich programmatisch-ideologische Linien und Bündnisse verändert? Wer kann für eine internationalistische Linke Partnerin sein?
Dr. Katja Hermann ist Nahostwissenschaftlerin und promovierte zur palästinensischen Zivilgesellschaft in Israel. Sie leitet das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Ramallah.
Gil Shohat ist als Sohn israelischer Eltern in Bonn geboren und aufgewachsen, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in München, Exeter und Berlin und leitet aktuell das Länderbüro Israel der RLS in Tel Aviv. Ab September 2026 arbeitet er als Referent für Westasien in der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.
Mittwoch, 12. November 2025, 19:00 im WERK 2, Halle A, Kochstraße 132, Leipzig:
Voices from Israel & Gaza: Wie können humanistische Lösungen und eine Debatte, die eint statt spaltet, aussehen?
english below
Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die Auftakt der Reihe “between the lines” ist, stehen die Perspektiven von zwei Menschen aus Gaza und Israel. Wir wollen ihre persönlichen Geschichten, Erfahrungen und Sichtweisen hörbar machen. Gemeinsam setzen sie sich für Frieden und gegenseitiges Verständnis ein – jenseits von politischen Fronten.
Die Gäste berichten über ihre individuellen Wege und Herausforderungen im Kontext des andauernden Konflikts und zeigen Möglichkeiten der Begegnung, des Dialogs und des Miteinanders auf. Im Fokus steht zudem, wie die polarisierte Debatte in Deutschland von Menschen vor Ort wahrgenommen wird.
mit Hamza Howidy, Aktivist für Frieden und gegen Antisemitismus und Islamismus, geflohen aus Gaza und
Shay Dashevsky, Aktivist für Verständigung und Frieden, aufgewachsen in Israel
Moderation: Laura Loew
veranstaltet von Transformative Bildung und Kultur e.V. in Kooperation mit dem linXXnet und der Initiative “We want to live”
gefördert im Rahmen des Bundesprogramms ‘Demokratie leben!’ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von der Senatsverwaltung Berlin.
Die Veranstaltung wird in englischer Sprache stattfinden. Für eine Übersetzung in die deutsche Sprache ist gesorgt.
Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.
Voices from Israel & Gaza: What can humanistic solutions and a debate that unites rather than divides look like?
The first event will focus on the perspectives of two people from Gaza and Israel. We want to make their personal stories, experiences, and viewpoints audible. Together, they are committed to peace and mutual understanding—beyond political fronts.
The guests will talk about their individual paths and challenges in the context of the ongoing conflict and highlight opportunities for encounter, dialogue, and coexistence. The focus will also be on how the polarized debate in Germany is perceived by people on the ground.
With Hamza Howidy, activist for peace and against anti-Semitism and Islamism, who fled Gaza and
Shay Dashevsky, activist for understanding and peace, who grew up in Israel
Moderator: Laura Loew
Organized by Transformative Bildung und Kultur e.V. in cooperation with linXXnet and the Initiative “We want to live”, funded as part of the federal program “Demokratie leben!” (Live Democracy!) by the Federal Ministry of Education, Family, Seniors, Women, and Youth and Senatsverwaltung Berlin
The event will be held in English. Translation into German will be provided.
